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Dienstag, 9. Oktober 2012

Kontroll-Überschuss

Passender Weise beschreibt Dirk Baecker die aktuelle Kulturrevolution, die alles Bisherige auf den Kopf stellen wird (wie einst der Buchdruck), als gekennzeichnet durch Reaktion in Form von "Kontrolle".

Gerd Altmann  / pixelio.de
"Und jetzt die nächste Gesellschaft. Ihr Problem ist seit der Einführung des Computers nicht mehr der Kritiküberschuss [Anmerkung: "Kritik" als Prinzip, um zur wissenschaftlichen und mündigen Aufklärung zu gelangen, die durch das Medium des Buchdrucks dominiert wurde], sondern der Kontrollüberschuss.

Als mainframe, als Laptop und im Netz steht der Computer paradigmatisch für eine Form der Teilnahme an Kommunikation, die undurchschaubar und unumgehbar zugleich ist. Als ein Rechner, der nicht mehr nur über Input und Output, sondern zusätzlich über sein eigenes Gedächtnis, seine Daten und Programme gesteuert wird, gewinnt das Verbreitungsmedium Computer eine Eigendynamik, die die Gesellschaft zwingt, sich auf einen neuen Sinnüberschuss, und wiederum: diesen selektiv reduzierend und auch dadurch mittragend, einzustellen.

Dieser Kontrollüberschuss besteht über den Computer hinaus darin, dass man allerorten, in den Ökosystemen der Natur wie in den Netzwerken der Gesellschaft, anfängt, damit zu rechnen, dass nicht nur die Dinge andere Seiten haben, als man bisher vermutete, und die Individuen andere Interessen (oder auch: gar keine) haben, als man ihnen bisher unterstellte, sondern dass jede ihrer Vernetzungen Formkomplexe generiert, die prinzipiell und damit unreduzierbar das Verständnis jedes Beobachters überfordern.

Kontrollüberschuss heißt daher zunächst und vor allem, dass auch der Beobachter von Verstehen auf Kontrolle umstellen muss, das heißt vom Versuch hermeneutischer Sinnauslegung, der an der Unzugänglichkeit der Selbstreferenz scheitert, auf die Beobachtung und das Protokoll der eigenen Erfahrungen im Spiegel der eigenen Erwartungen, das heißt auf das eigene Gedächtnis und dessen durchaus misstrauische Überwachung.
[Anm.: Wir treffen unsere Entscheidungen vermehrt auf der Grundlage, wie wir Zusammenhänge persönlich deuten - und nicht mehr auf rein wissenschaftlich aufgeklärten Fakten, da die Reizüberflutung an Informationen eine eindgültige Instanz der Wahrheit geradezu ausschliesst.]

Am eigenen Defizit einer nur unzureichend möglichen Kontrolle in diesem Sinne eines Mitvollzugs des eigenen Gedächtnisses bekommt es der Beobachter, wenn man so will, mit dem Sinnüberschuss der nächsten Gesellschaft zu tun. Deren Struktur kombiniert den Anlass der Kontrolle mit deren Überforderung, so dass es jetzt nicht mehr nur darum geht, das freie Spiel der Referenzen, die Autorität der Symbole oder das individuelle Recht auf Kritik in seine Schranken zu weisen, sondern zusätzlich darum, das Gelingen und das Scheitern von Kontrolle als die beiden Seiten einer Medaille zu begreifen. Mit beidem reproduziert sich die nächste Gesellschaft. Denn nur beides zusammen produziert jenes Material, aus dem die Kontrollprojekte der einen entstehen und die Kontrollprobleme der anderen."


Dirk Baecker - "Studien zur nächsten Gesellschaft“ Suhrkamp 2007 - Kapitel: "Was hält Gesellschaften zusammen?"
16 Thesen von D. Baecker


Für die Piratenpartei bedeutet dies: 

Die Kontrolle mit ihren Werkzeugen (z.B. Transparenz) ist ein Phänomen der aktuellen Kulturrevolution, die auf den technischen Möglichkeiten der Computer, des Internets und der neuen Medien basiert. 

Dies zu durchschauen und die richtigen Handlungsanweisungen zu geben, wird nur denjenigen gelingen, die sich auf die Denk- & Handlungsweise der "digital natives" einlassen können. In dieser Kulturrevolution liegt das Potential der absoluten Kontrolle, absoluter Transparenz und absoluter Automatisierung genauso verborgen, wie die Chance automatisierbare Prozesse menschlich zu gestalten, die Grenzen der Automatisierung und Kontrolle regulierend zu erfassen und auch der unkalkulierbaren (unkontrollierbaren) Natur z.B. des Menschen ihren freien Lauf zu gewähren. 

Es geht nicht um Transparenz, es geht um Kontrolle. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind nur Mittel, um eine sinnvolle Kontrolle ausüben zu können - auch, da die bisherige Funktion der Freien Presse, von aussen kritisieren zu können, nicht mehr genügt und allzuleicht (ohne Transparenz von Innen) korrumpiert werden kann. Datenschutz sowie der Schutz von Privatsphäre und zwischenmenschlicher Vertraulichkeit sind wiederum sinnvolle Grenzen einer absoluten Kontrolle, wie sie zB. durch den Gläsernen Bürger - aber auch Gläsernen Staat - möglich wären. 

Die Automatisierungen und das System - und nicht die Menschen - sind zu kontrollieren und in Schranken zu weisen. Der Mensch hat die Oberhand über die Kontrollfunktionen zu behalten und darf diese nicht an Automatisierungen abgeben. Das Potential der (Neuen) Medien ist dazu einzusetzen, dass die wissenschaftliche Aufklärung durch Freie Bildung für jeden Bürger zugänglich ist und die Grundlage für mündige Selbstbestimmung gegenüer ausuferndem Kontrollverhalten erhalten bleibt.


>>> "Es geht nicht um Transparenz - es geht um Kontrolle!"

Dienstag, 2. Oktober 2012

Es geht nicht um Transparenz - es geht um KONTROLLE!!

Gerd Altmann  / pixelio.de
"Transparenz" ist ja irgendwie ein schönes Modewort geworden - aber so ganz klar, was es bedeuten und wie weit die Transparenz dann gehen soll, ist sich ja nicht einmal die Piratenpartei selbst. Zumindest wird dies nicht wirklich klar kommuniziert.

Dass "Transparenz" und "Datenschutz" bzw. Schutz von Privat-, Intimsphäre und Vertraulichkeit sich regelrecht in Teilen ausschliessen, habe ich an anderer Stelle bereits angesprochen

Politische Entscheidungen sollen für den öffentlichen Auftraggeber namens "Bürger" NACHVOLLZIEHBAR sein, heisst es. 

Aber nennen wir das Kind doch einfach beim Namen, anstelle die ganze Zeit um den heissen Brei drum herum zu reden: Es geht um Kontrolle! Die Politik soll besser kontrolliert werden können.

Nimmt man das Souverän als Auftraggeber der ausführenden, richtenden, entscheidenden, lenkenden und eingreifenden Staatsgewalten ernst, dann ist die Forderung von einer Kontrolle auch wirklich legitim! 

Da stellt sich auch gleich die Frage, ob die sogenannte "Freie Presse" in ihrer bisherigen und jetzigen Form ihrer Aufgabe als Kontrollinstanz der Staatsgewalten gerecht werden kann. Oder, welche Kontrollinstanzen der Oberkontrolleure haben wir sonst? Wo ist die Notbremse, wenn das System mal "ausser Kontrolle" gerät? Doch nicht etwa nur GG Art 20, 4?

Irrwitzig ist dagegen der Trend, den Auftraggeber, das Volk kontrollieren zu wollen!?!? Müssen nicht zunächst diejenigen kontrolliert werden, die alles andere kontrollieren wollen?

Wenn wir uns darauf einigen können, dass "Transparenz" EIN MITTEL ist, um Kontrolle ausüben zu können, dann fällt es uns auch leichter die Transparenz anhand dessen zu beschreiben, wofür diese ein Werkzeug sein soll. Gleichzeitig wird uns auffallen, dass es noch weitere Mittel und Möglichkeiten braucht, um effektiv kontrollieren zu können - und Transparenz "nur" ein (wenn auch bedeutender) Teil dieser Kontrollfunktion ist.


"Transparenz ist in der Politik ein Zustand mit freier Information, Partizipation (!) und Rechenschaft im Sinne einer offenen Kommunikation zwischen den Akteuren des politischen Systems und den Bürgern. Damit eng verbunden ist die Forderung nach Verwaltungstransparenz und Öffentlichkeitsprinzip.

Die gläserne Kuppel des Reichstagsgebäudes – ein Symbol der Transparenz in der Politik." (Wikipedia)

Einerseits kann uns das aktuelle Thema der Abgeordnetenbestechung deutlich zeigen, dass Transparenz alleine nicht genügt, sondern auch Rechenschaft und Haftung benötigt werden. Wir könnten soviel Transparenz haben, wie wir wollen - wenn eine Verfehlung nicht zur Rechenschaft gezogen und ein Politiker nicht haftbar gemacht werden kann, ist auch die Transparenz für die Katz.

Andererseits macht Transparenz der Politiker auch keinen Sinn, wenn diese im Sinne eines Überwachungsstaates ausgeführt wird. Der "Gläserne Staat" gegenüber dem "Gläsernen Bürger" war ja eine ganz nette Forderung - aber in der Realität können wir nicht einfach Gleiches mit Gleichem vergelten, Politikern jegliches vertrauliche Gespräch absprechen und jetzt diese rund um die Uhr bewachen. 

Die geforderte Transparenz muss dem Bedürfnis der Kontrolle über die politischen Entscheidungen und Abläufe, also der Nachvollziehbarkeit, absolut dienlich sein - mehr aber auch nicht.

Ich verstehe ja, dass die irrsinnige Forderung nach dem Gläsernen Bürger das Gegenteil auf den Plan ruft. Aber vielleicht erkennen wir ja auch, dass die Menschlichkeit völlig verloren geht, wenn wir diese Forderung nach absoluter Transparenz auf den Menschen (ob nun Bürger oder Politiker) beziehen. Es ist und bleibt ein Überwachungsstaat, ob wir nun die Politiker absolut überwachen, oder die Bürger. Die Grenze ist einfach schwimmend und die Gefahr jeweils Groß, dass dies in ein totalitäres System überschwappt. 

Kurz: Die Forderung nach Gläsernen Menschen - ob nun Politiker, Unternehmer oder einfach Bürger - ist falsch und gefährlich. Das Einzige, was gläsern sein muss, ist sozusagen die Software mitsamt Daten, die Abläufe, die Entscheidungsfindungen und sämtliche Einfluss nehmende Faktoren. Die "Maschine", das "System" muss gläsern und nachvollziehbar sein, nicht der Mensch. Des Menschen Grundrechte, seine Privat- & Intimsphäre - aber auch seine vertraulichen persönlichen, politischen und geschäftlichen BEZIEHUNGEN sind schützenswert. 

Man kann dies sehr wohl und sauber trennen, denn sobald diese Beziehungen zu entscheidenden politischen Faktoren geworden sind, müssen diese natürlich INHALTLICH und FAKTISCH auf den Tisch. Darüber hinausgehend sollte es jedem selbst überlassen bleiben, wieviel Einblick in die eigene Beziehungswelt und vertrauliche Gespräche gewährt wird. 

Hinzu kommt, dass die Piraten zwar von Bürgerbeteiligung sprechen, den Bürger aber bislang in ihre Abläufe in keiner Weise eingebunden haben. Die Basisdemokratie endet bei den Piraten bei ihrer eigenen Partei. Wie die Piratenpartei den Bürger in die Willensbildung und Entscheidungsfindung einbeziehen möchte, bleibt die Piratenpartei noch schuldig (oder habe ich etwas verpasst?).

Der einzige Punkt, wo die Bürger als solche teilhaben können, ist die Transparenz der Piratenpartei. Wer Lust hat, sich durch tausende Online-Dateien zu blättern, der kann sich zumindest über das informieren, was von den Piraten an Daten veröffentlicht wird. Das ist sicher nicht wenig Material, viel Aktuelles und so einiges von dem, was auch transparent publiziert werden sollte - aber es ist schwer bis unmöglich auffindbar für Nicht-Eingeweihte. Es ist in jedem Landesverband (und teils pro Politiker) an anderer Stelle - insgesamt in einem riesigen Datenchaos.

Die Komplexität von Transparenz und Kontrolle, die erst durch unser modernes Informationszeitalter so realistisch und mächtig geworden ist, deutet darauf hin, dass dies Teile der Kulturrevolution sind, an deren Anfang wir stehen. Diese multimediale Kulturrevolution ist auch gleichzeitig der Urgrund der Piratenpartei selbst - ein Heimspiel sozusagen.


Passender Weise beschreibt Dirk Baecker die aktuelle Kulturrevolution, die alles Bisherige auf den Kopf stellen wird (wie einst der Buchdruck), als gekennzeichnet durch Reaktion in Form von "Kontrolle".

>>> weiter!

Sonntag, 9. September 2012

Die Medien als Kontrolle der Staatsgewalten

Als Staatsgewalt genügen die Freien Medien, die Freie Presse und die Freien Journalisten nicht, denn der Staat könnte die Rundfunksender ja manipulativ missbrauchen.

Spätestens seit Hitler wird Staatsfernsehen aus guten Gründen nicht als Kontrolle des Staates akzeptiert. Im Gegenteil, denn das Staatsfernsehen wurde ja zur Manipulation und Kontrolle der Bürger - und nicht des Staates - eingesetzt.

Daher wurde die "Freie Presse" als sogenanntes "Kontroll-Organ" der Staatsgewalten grundgesetzlich geschützt und der Wirtschaft, dem Freien Markt regelrecht zum Fraß vorgeworfen. 

Da die unsichtbare Hand des Freien Marktes  alles regeln würde, sei der beste Platz für eine Kontrolle der Gewaltenteilung sicher aufgehoben, wenn die entsprechende Nachfrage nach "Freier Presse" diese ebenso fo(e)rdern würde.

Hinzu kommt ein Fo(e)rderdschungel mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten . Diese haben ebenso keinen Rang als unabhängige Staatsgewalt, sind im Gegenteil gesetzeswidrig staatlich abhängig - müssen aber der grundgesetzlich veranschlagten "Freien Presse" genügen.


Die GEZ-Sender sollten im Sinne eines Bildungsauftrages dem Bürger dienen. Noch nicht einmal das sogenannte Allgemeinwissen wurde bislang multimedial aufbereitet und den Zahlenden der Zwangsgebühren frei zur Verfügung gestellt. Auch als gewaltige Kontrollinstanz verfehlen die Öffentlich-Rechtlichen - und somit in der Summe - ihre eigentliche  Daseinsberechtigung.

So langsam bemerken wir, dass die "Kontrollfunktion der Freien Presse" gegenüber Legislative, Judikative und Exekutive praktisch aufgegeben wird, wenn eine unabhängige Berichterstattung nur möglich ist, wenn diese auch gewünscht ist und entsprechend bezahlt wird. 

Auch Rundfunkstaatsvertrag und GEZ ersetzen die Kontrollfunktion in keiner Weise, sind diese doch den zu überwachenden Staatsappareten näher als die sog. "Freie Presse" des "Freien Marktes".

Aufgrund dieses Mangels ist der Bürgerjournalismus, der durch die Neuen Medien aufblüht,  so ein Segen. Wenn die grundgesetzlich geforderte Freie Presse auch umgesetzt und gewährleistet werden soll, dürfen sich die Verantwortlichen hierauf jedoch nicht ausruhen.

Denn sonst hat niemand eine wirkliche Kontrolle über Politik, Gerichte, Polizei, Militär und Geheimdienste - und die Bürger auch keinerlei Notbremse. 

Die Trennung der Staatsgewalten ist vor allem deshalb vorhanden, weil dem Staat alleine (und als Ganzem) nicht getraut werden kann. Hier scheint keine unsichtbare Hand zu sein, die alles regelt. Die Funktionen des Staates, ihre gewaltigen Gewalten, müssen unabhängig voneinander funktionieren und ausgeführt werden. 

Noch unabhängiger davon wäre eine Kontrolle anzusiedeln, wenn ein wirkliches "Controlling" und eine Optimierung im Sinne der Grundwerte, Grundrechte und Grundanliegen überhaupt gewünscht ist. Das Volk hat bis auf Volks- & Bürgerbegehren keine Möglichkeiten in laufende Prozesse einzugreifen - wir haben nur die Wahl.

Die Wahl alleine - selbst eine verfassungskonforme - genügt nicht, um eine Kontrolle der Staatsgewalten zu simulieren. Die Aufklärung über Mißstände, unabhängige Berichterstattung und die (politische) Grundbildung für mündige Bürger würde fehlen.

Dennoch bleibt in dieser "Rechnung" nur der Bürger als letzte und primäre Instanz - zu gewährleisten, dass ihm eine "Freie Presse" dient - uns alle befähigt und ermächtigt, die Staatsgewalten zu bedienen. 

In diesem Sinn kann das Volk als Verantwortlicher der Staatsgewalten vor allem über die Medien lenken und kontrollieren, was in Politik, Gerichte, Polizei, Militär und Geheimdiensten geschieht.

Kraft der Medien und Kommunikation können wir uns vernetzen und gemeinsam eine Welt gestalten, hinter der wir auch wirklich stehen können.







Bildmaterial: deeillustration
http://pir.at/kontrollfunktion

Sonntag, 17. Juni 2012

Politik der Angst

In anderen Artikeln bin ich auf die Wurzeln der Gewalt nach Adorno, Fromm und Gruen eingegangen. Ob nun linke, rechte oder sonstige Gewalt - stets geht es um Zustände, wo der bewusste oder unbewusste Täter nicht ganz bei sich ist und ÜBERreagiert oder UNTERordnet.

ANGST spielt hierbei eine zentrale Rolle.  ANGST ist - neben der nützlichen Funktion vor der "heissen Herdplatte" zu warnen - stets ein Gefühl VOR einer realen Verletzung, einem realen Schmerz - unabhängig davon, ob geistig oder körperlich. Während in unserer Welt sehr wohl ein Unterschied zwischen körperlichen Verletzungen und rein geistig, verbalen Attacken gemacht wird, ist dies der ANGST egal. ANGST benötigt nicht einmal eine reale Bedrohung, denn eine Einbildung genügt - für den Ängstlichen ist diese REALITÄT. So könnte man die ANGST als ideales Werkzeug oder Mittel betrachten, um rein kommunikativ eine körperliche Kontrolle auszuüben, ohne nachweisbar körperlich zu verletzen.

Was ist ANGST?



Es gibt Vereinfachungen der psychologischen Abfolgen, die es z.B. Psychotherapeuten erleichtern, den status quo eines Patienten einzustufen - um sich dann langsam zum Kern der Problematik (der ursprünglichen Verletzung, dem Schmerz) vorzuwagen. Vereinfachungen sind natürlich immer mit Vorsicht zu geniessen. Man möge dabei auch bedenken, dass unsere "Psychologie" von drei Strömungen dominiert ist, sog. "Schulen", die sich grundsätzlich wiedersprechen!

Bereits ab der Geburt begleitet uns das Bedürfnis der Zugehörigkeit und Verbundenheit - ursprünglich mit der Mutter, Familie, Freunde, der ganzen Welt - und last but not least mit sich selbst.

ANGST bezieht sich immer auf einen Schmerz, eine Verletzung - eine trennende Erfahrung zu sich und seinem Leben oder seinen Lieben. Diese Reise beginnt in der Regel bereits mit dem ersten Todeskampf: der Geburt, gefolgt von der Abnabelung, die sich geistig weit über die Pubertät hinausziehen kann.

So lange wir in der Lage sind, wieder zu uns selbst zurück zu kehren, in Verbindung mit der Mutter (oder dem Archetypus des Weiblichen) bzw. dem Vater (dem Archetypus des Männlichen) - sprich der Welt der Menschen und unserem Umfeld zu gelangen, liegt keine nennenswerte Störung vor.
Gelingt uns dies teilweise nicht mehr, mit uns selbst in Kontakt zu kommen, sich selbst und andere Menschen wirklich wahrzunehmen, dann beginnt eine Reise der Isolation und des Authismus.

Doch bevor wir uns aufgrund von Schmerz und Angst von uns und der Welt abkapseln, kommen zunächst eine Reihe weiterer Faktoren in das Spiel.
Als erstes entsteht WUT über die ANGST und den zugrunde liegenden SCHMERZ. An sich und neutral betrachtet ist auch dieser ZORN unproblematisch und als ein Antrieb sogar gesund.

Die nächste Stufe ist die KONTROLLE.
Wird WUT KONTROLLIERT, sprich UNTERDRÜCKT, dann entsteht DEPRESSION / MANIE z.B. in Form von Über- und Unterordnung. Wird diese ebenso NICHT z.B. künstlerisch verarbeitet, legt sich ein Schleier der SCHAM, VERDRÄNGUNG und SCHULDGEFÜHLE darüber.

Diese kapseln erst endgültig ab und ermöglichen das sogenannte STRATEGISCHE EGO, das letztlich Gefühle, Liebe und Nähe zu verhindern versucht, um nie wieder diesem ursprünglichen SCHMERZ ausgesetzt zu werden. Somit ist der Teufelskreis der Vermeidungsstrukturen und der Selbst- & Fremdsabotage komplett.

Werzeuge politischer Angst:
  • Aktive Verletzungen, Beleidigungen und Diffamierungen - selbst subtiler Art - sind der Urgrund für Ängste und sollten daher innerhalb politischer Arbeit gelöst und nicht toleriert werden. Da genau hier die Reise der Angst beginnt, ist besonders darauf zu achten, dass auch subtile und versteckte Verletzungen keinen Nährboden finden und heilsam ausgeräumt werden. ALLE (!) weiteren Faktoren entstehen erst aus diesen Verletzungen und daher ist besonders diesen Anfängen zu wehren.
    • "Von einem Wort oder Satz auf den Menschen schliessen"Häufig genügt ein sog. "Reizwort" oder "Schlüsselwort" und man wird abgestempelt und in eine Ecke gestellt. Besonders, wenn sich derjenige wehrt derart abgestempelt zu werden, sollte man genauer hinhören. Da jeder unter Worten und Formulierungen etwas anderes versteht, sollte die Gelegenheit bestehen, genauer zu erklären, was die Beteiligten unter einer Formulierung verstehen. Gemeinsam sollte versucht werden bessere Formulierungen zu finden bzw. Vorbehalte und Vorurteile auszuräumen. Beinhaltet das Gesagte oder Geschriebene tatsächlich auch eine gemeinte Verletzung, ist natürlich direkt hier anzusetzen und klarzustellen, dass aktive Verletzungen nicht toleriert werden. Die Suche nach dem ursprünglichen Schmerz des Verletzenden (!) kann dabei helfen diese auszuräumen.
    • Verallgemeinerungen, vor allem verletzender Natur, sind nicht zu vermeiden und nicht zu tolerieren. Auch hier kann hilfreich sein nach der ursprünglichen Verletzung zu suchen, die zu einem Urteil geführt haben. Gemeinsam ist nach besseren Formulierungen und Möglichkeiten zu suchen, den Horizont zu erweitern - Erfahrungen machen zu können, die der Verallgemeinerung wiedersprechen.
    • Killer-Phrasen & Schwarze Rhetorik
    • Linke und Rechte "Keulen" (siehe auch "Verallgemeinerungen"): Diese "Keulen" funktionieren vor allem deshalb besonders gut, da -> Ausschluss droht. Das übermässige Verwenden dieser Keulen deutet auf eine Kultur hin, die über ihre Maßen Ausschluss praktiziert und dabei sehr wahrscheinlich auch Unschuldige oder Unbeteiligte ausschliesst bzw. auszuschliessen droht. Es scheint eine Kultur entstanden zu sein, in der sich Individuen bereits vom Ausschluss bedroht fühlen müssen, wenn gewisse Indizien wie z.B Signalworte genügen und wirkliche Beweise weniger zur Sprache kommen. Ist es tatsächlich so, dann ist die Kommunikationskultur bereits deutlich gestört, denn eine sachliche Diskussion scheint kaum mehr möglich zu sein.

  • Ausschluss: Besonders heutzutage baut eine der größten Ängste auf der Zugehörigkeit und Verbundenheit (ursprünglich zur Mutter) auf. Der Ausschluss aus einer Partei oder gar der Gesellschaft setzt genau hier an. Die Folgen sind häufig, dass sich die Ausgeschlossenen formieren und untereinander eine Zugehörigkeit, geradezu Einigkeit aufbauen, die nicht selten auf dem gemeinsamen Schmerz des Ausschlusses aufbaut. Ausschluss sollte am Ende wirklicher Versuche zur kommunikativen Lösung stehen und klare Äusserungen zu den Regeln beinhalten: Unter welchen Bedingungen ist eine Rückkehr (z.B. in die Gesellschaft) möglich. Ausschluss sollte immer begleitet werden von wirklichen Lösungen der eigentlichen Problematik, mit der man sich im jeweiligen Fall offensichtlich nicht mehr auseinandersetzen kann oder will. Nach Aussen (und vor allem Innen) sollte deutlicher - als der Ausschluss - kommuniziert werden, unter welchen Bedingungen man Teil der jeweiligen Gemeinschaft ist und bleibt. Denn das Problem von praktiziertem Ausschluss ist eine subtile Angst der Verbliebenen, selbst unter gewissen Bedingungen ausgeschlossen werden zu können. Häufig steht die Position, die ausgeschlossen werden soll, für einen wichtigen Faktor (oder ein sehr wohl vorhandenes gesellschaftliches Meinungsbild), für die schlicht noch keine andere wirkliche Lösung vorhanden ist. Insofern zeichnet Ausschluss häufig die Hilflosigkeit der jeweiligen Gruppe gegenüber einer Person oder Problematik nach. Genau hier sollte angesetzt werden, um das eigentliche Problem, dem man sich entledigen will, auch tatsächlich zu lösen. 
  • WUT in Form von kreativem Zorn sollte sein Ventil finden dürfen. Eine Kultur, die ohne (subtile) Gewalt miteinander auskommen will, muss sich erlauben Kämpfe auszufechten. Gewaltfrei bedeutet nicht, sich mit Samthandschuhen anfassen zu müssen, sondern beinhaltet den wechselseitigen Respekt immer wieder auf die Augenhöhe zu gelangen, sollte man diese verlassen. Daher hat sich bewährt, OPERATIVE Meetings von EMOTIONALEN  zu trennen. Zunächst sollten die jeweils Beteiligten versuchen einen Konflikt untereinander kommunikativ zu klären. Erreicht ein Konflikt den OPERATIVEN Kreis und stört die insgesamte Arbeit, dann organisiert der OPERATIVE einen EMOTIONALEN Kreis mit Moderation und Mediation. Erst KONTROLLIERTE und UNTERDRÜCKTE WUT ergiesst sich in gewaltiger ÜBER- und UNTER-ORDNUNG (Depression / Manie). Ein Großteil hiervon läuft regelrecht unsichtbar im Inneren von Menschen ab. Sichtbar sind meist nur Regungen, die sich Überordnen, über Menschen hinweggehen und diese auszuschliessen versuchen. Hierauf sollte genauso sensibel reagiert werden, wie auf Menschen, die so etwas häufig/er über sich ergehen lassen!
KEINE TOLERANZ FÜR INTOLERANZ:
Was bedeutet "KEINE TOLERANZ" für einen toleranten Menschen oder eine tolerante Gesellschaft? Ausschluss muss (!) ihr allerletztes Mittel sein, denn Ausschluss ist ein Eingeständnis der Hilflosigkeit. Dies sollte klar sein und an sich auch klar kommuniziert werden.Ausschluss kann als Mittel der Notwehr betrachtet werden, da alle anderen Möglichkeiten, die offen kommuniziert und transparent gemacht werden sollten, ausgeschöpft sein dürften. Die Regeln der Gruppe oder Gesellschaft sollten verdeutlicht werden, dass dem Ausgeschlossenen selbst klar sein dürfte, dort erst wieder Platz zu haben, wenn auch diese Regeln zu eigen gemacht wurden. Die Beweislast sollte klar und eindeutig sein, denn ein Ausschluss ohne wirklichen beweisbaren Grund öffnet der Willkür Tür und Tor und eine Kultur der Angst macht sich unter den Mitgliedern der eigenen Gruppe breit. Dies wirkt zwar zunächst subtil, ist jedoch schnell deutlich spürbar und schwer bis unmöglich rückgängig zu machen. Es ist genau diese Willkür, die totalitäre Systeme ermöglicht.


Kultur der Angst



Prof. Dr. Gerald Hüther zeigt in seinen Beiträgen nicht nur, warum unser Schul- & Lernsystem nicht durch Angst und Druck funktionieren kann - sondern auch, wie diese durch Begeisterung und spielerische Leichtigkeit revolutioniert werden können. 

Politik selbst ist da noch einen Zacken schärfer, wenn wir - neben dem Umgangston - bedenken, um welch große und existentielle Probleme es eigentlich geht. Wir sind in einer Gesellschaft, die Probleme eher weniger löst, sondern verwaltet und klar verdrängt. Der Problemberg ist dabei in den letzten Jahrzehnten nicht abgetragen worden, sondern bis in das schier Unermessliche angewachsen. Ganze Generationen wachsen mit einem Gefühl auf, dass eine Lösung unserer Probleme - dank der Fülle - praktisch unmöglich sei ... und man sich lieber gleich den Verdrängungsmechanismen hingeben könnte. 

Das zentrale Steuerelement (neben der exakten Definition des eigentlichen Schmerzes) ist auch hier die Angst. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb Politik ein Weg aus der Angst und eine heilsame Kommunikationsform sein sollte.

Politik sollte insgesamt ein Gefühl ausstrahlen können, dass unsere Probleme sehr wohl lösbar sind. Es ist de facto ja so, dass wir für jedes Problem bereits nicht DIE Lösungs haben - sondern meist unzählige Alternativen.

Medien, Bildung und vor allem Wissenschaft sollte exakt hier ansetzen und einen Überblick der zahllosen vorhandenen Lösungen und Alternativen bieten.



Obigen Video-Beitrag finde ich etwas einseitig, denn ich kenne auch eine ganze Reihe an Fällen, wo die Medikamentationen funktioniert und geholfen haben. Dennoch finde ich den Beitrag in seiner polarisierenden Art recht hifreich, um der üblichen Vorgehensweise bei Krankheiten, psychischen Problemen und ganz natürlichen Lebenstiefpunkten einen deutlichen Kontrast gegenüber zu stellen. Möge jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie mit den eigenen Wehwehchen und ernsthaften Verletzungen heilsam umgeht. Der Griff zu Psychopharmaka sollte nicht leichtfertig und ohne ärztliche Begleitung des Vertrauens stattfinden!

Photo by: Benjamin Thorn / pixelio.de